"Ja, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden" wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! — Immer, immer wiederhol ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menschen: Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!« GOETHE, Werther, 1. Buch, 29. Juni
Im Anfang liegt alles. Dieser Grundsatz macht deutlich, wie wichtig die Betrachtung unserer eigenen Kindheit ist, wenn es darum geht, Erklärungen für später auftretende Beschwerden und Erkrankungen zu finden. Hier soll der Schwerpunkt auf die Behandlung von Kindern gelegt werden, für die dieser Grundsatz ebenso gilt. Ganzheitlich arbeitende Therapeuten beginnen die Anamnese mit Fragen nach Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt. Der mentale Zustand der Mutter, das Verhältnis zwischen den Eltern, jede Krankheit und deren Behandlung während der Schwangerschaft sowie die Vorgeschichte der Eltern sind von Bedeutung. Der Gemütszustand der Mutter während der Schwangerschaft, jede Art von Schock, wie der Tod eines nahestehenden Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes und mögliche finanzielle Sorgen, aber auch ein Umzug und damit verbundene soziale Veränderungen haben einen starken Einfluss auf das sich entwickelnde Baby.
Gesundheit bedeutet ein harmonisches Fließen der Lebensenergie, ein Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele, das schon in dieser frühen Zeit des Lebens Einflüssen von außen unterhegt und sensibel auf Störungen reagiert. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Kinder im Mutterleib mit aufäl" lig starken Bewegungen oder auch dem Gegenteil auf mütterliche Stimmungen reagieren. In dieser Zeit werden entscheidende Weichen für das spätere Leben sowie für das Annehmen des eigenen Geschlechts und der dazugehörigen Rolle gestellt. Das Gefühl der Geborgenheit im Mutterleib vermittelt das Lebensgefühl des Urvertrauens. Die Geburt als der entscheidende Schritt ins Leben ist wegweisend für alles, was folgt, und zeigt deutlich, wie Menschen im weiteren Leben stehen und wie sie ihren Weg gehen werden. Anzustreben wäre eine sanfte Geburt in einer hebevollen, warmen und geschützten Atmosphäre, in der man das neue Leben wirklich willkommen heißen kann. Die heute gängige Praxis, Gebärende in ein »krankes Haus« einzuweisen, lässt hingegen wenig Raum für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche der werdenden Mutter. Oft endet die Geburt aus übertriebenem Sicherheitsbedürfnis in vollständiger Passivität und damit, dass die werdende Mutter einfach alles über sich ergehen lässt, was die moderne Schulmedizin mit all ihren technischen Errungenschaften von Wehenmitteln über Saugglocke und Zange bis hin zum Kaiserschnitt nur zu gern möglich macht. Hinzu kommen oft überflüssige diagnostische Maßnahmen wie das Blutabnehmen direkt nach der Geburt zur Bestimmung von möglichen Erbkrankheiten oder zu geringer Sauerstoffkonzentration. Das Einträufeln von Silbernitrat in die Augen des Neugeborenen, um einer möglichen Tripperinfektion durch die Mutter vorzubeugen, ist nur ein historisches Beispiel für eine unsinnige und schmerzhafte Maßnahme.
Die Phasen Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt, aber auch die Kindheit sind dem Archetyp Mond zugeordnet, also dem urweiblichen Prinzip. Die dazugehörigen Themen sind Hingabe, Empfangsbereitschaft, Offenheit, Sicherheit und Geborgenheit. Wenn es in dieser frühkindlichen Entwicklungsphase zu Störungen kommt, sind Symptome auf der körperlichen Ebene vorhersehbar - und vermeidbar.
Die klassische Homöopathie ist wie keine andere Therapieform in der Lage, das Wohlbefinden sowohl der Schwangeren und Gebärenden als auch des Kindes zu unterstützen und mögliche Erkrankungen zu verhindern oder zu behandeln. Schwangerschaft und Geburt sind keine Krankheiten, wie es uns die gängige Schulmedizin nur allzu oft vermittelt. Die Dienste eines Facharztes, der Ultraschall-, Fruchtwasser- und verschiedenste Blut-untersuchungen bis hin zur routinemäßigen Herztonaufzeichnung des Un-geborenen einsetzt, sollten nur bei entsprechenden Hinweisen auf Störungen in Anspruch genommen werden. Die Verordnung von Medikamenten wie Jod, Folsäure, Eisen und Magnesium, um nur einige zu nennen, ist eine unsinnige, aber gängige Praxis, die nur bei nachweislichem Mangel oder entsprechenden Beschwerden zum Einsatz kommen sollte. Uber all den gut gemeinten Hilfsangeboten seitens des Arztes darf nicht vergessen werden, dass es sich bei Schwangerschaft und Geburt um die natürlichsten Vorgänge der Welt handelt und dass deshalb auch auf die Natur und den Mutterinstinkt vertraut werden darf. Hier gilt der Grundsatz Weniger ist mehr, der in unserer modernen Welt aufgrund unnötiger Angstmache und übertriebenen Sicherheitsbestrebens häufig nicht mehr beachtet wird. Im Normalfall reicht eine vertraute und einfühlsame Hebamme, die der Schwangeren in häuslicher Atmosphäre, im Geburtshaus oder auch im Krankenhaus zur Seite steht, als Geburtshelferin aus. So kann die Erfahrung der Geburt für Mutter und Kind zu einem beglückenden Erlebnis werden. Die unterstützende Behandlung mit homöopathischen Arzneimitteln ist in den meisten Fällen ausreichend und bietet eine hilfreiche Grundlage für die weitere Entwicklung des Kindes.
Die Mittelwahl erfolgt nach dem ganzheitlichen Konzept der Klassischen Homöopathie unter Berücksichtigung der Anlagen, der Rhythmen der kindlichen Entwicklung (Siebenjahreszyklen, wie wir sie aus der anthroposophi-schen Medizin kennen), der unterschiedlichen Lebensphasen, der Lebenskrisen (im Sinne von Chance) wie etwa der Neugestaltungsphase in der Pubertät sowie der individuellen körperlichen und seelischen Beschwerden. Sie macht deutlich, dass Gleichmacherei und Routineverordnungen überholt sind und dass jede Therapie auf die persönlichen Umstände und Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmt werden sollte. Hier geht es in erster Linie darum, die Möglichkeiten des Individuums optimal zu nutzen, damit dieses sein Leben meistern kann. Gesundheit wird als dynamischer Prozess erkannt, der die Energie ungestört fließen lässt und die Lebenskraft stark genug fördert, damit der einzelne Mensch mit krank machenden Einflüssen von außen fertig werden kann. Jedes Symptom, sei es auf der Körperebene oder im geistigen Bereich, deutet auf eine Störung des empfindlichen Gleichgewichts hin und verlangt sowohl nach der Erkenntnis des Wesens hinter der Störung auch nach Wiederherstellung der Harmonie.
Klassische Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Keuchhusten sind der natürliche Versuch, sich im Kindesalter mit ererbten Belastungen zu beschäftigen und von ihnen zu befreien. Deshalb sollten sie auch nicht durch Impfungen unterdrückt oder ins Erwachsenenalter verschoben werden. Bei guten Abwehrverhältnissen und unter den generell günstigen Lebensumständen, die wir alle genießen, sind es zumutbare Krankheiten, die lediglich durch ein liebevolles Umfeld und diätetische Maßnahmen gemildert werden sollten, um den Reifungsprozess nicht zu behindern. Unterdrückende Maßnahmen wie etwa die äußerliche Behandlung von Hautausschlägen oder das Senken von Fieber sind unbedingt zu unterlassen, da sie zu Nebenwirkungen oder Folgeerkrankungen führen können.
Fieber ist keine Krankheit, sondern vielmehr der Ausdruck eines gesunden Immunsystems, das sich aktiv zur Wehr setzt. Chronisch kranke Menschen können oft nicht mehr fiebern und sind genau aus diesem Grund auf Hilfe von außen angewiesen. Die Erfahrung der inneren und äußeren Hitze sowie der Anstrengungen, die der gesamte Organismus unternommen hat, um die Krankheit abzuwehren, wird nach der Genesung oft als Stärkung, nicht nur der körperlichen Konstitution, sondern auch des Selbstvertrauens erlebt. Eine Unterstützung dieses Prozesses wird erst notwendig, wenn das Kind trocken, durstlos und apathisch wirkt, denn dann funktioniert die Selbstregulation nicht mehr und es bedarf entsprechender homöopathischer Arzneimittel, um den Durst und die natürliche Ausscheidung über das Schwitzen anzuregen. In meiner nun seit über zehn Jahren bestehenden homöopathischen Kinderpraxis und in über 20 Jahren Erfahrung mit meinen eigenen drei Kindern habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem fiebersenkende Medikamente notwendig gewesen wären.
Als eine meiner wichtigen Aufgabe betrachte ich es, die Eltern über die Entstehung von Krankheit aufzuklären und ihnen deutlich zu machen, dass bei ihrem kranken Kind »etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist« und es nun gilt, das Fehlende zu integrieren und die Gesundheit wiederherzustellen. Die Angst um ihre Kinder, die allen Eltern vertraut ist und die von der Schul-medizin entsprechend geschürt wird, ist eine schlechte Beraterin und sollte durch vertrauensfördernde Maßnahmen ersetzt werden, was zum Beispiel bedeutet, dass sich der Arzt oder Therapeut Zeit nimmt und Erklärungen gibt. Viele Eltern glauben, dass Sicherheitsversprechen wie Impfungen sie und ihre Kinder vor den Gefahren des Lebens schützen können. Doch das ist ein Trugschluss und wird in letzter Konsequenz auch von keinem Schulmediziner unterschrieben. Es geht also vor allem darum, den Eltern Mut zu machen, auf ihre Intuition zu vertrauen, sich einzulassen und das Leben zu wagen. So können zumutbare Erkrankungen - sinnvoll unterstützt - die gesamte Persönlichkeit und Entwicklung des Kindes fördern und gleichzeitig unzumutbare Erkrankungen und Komplikationen verhindern helfen, weil das Immunsystem durch sie gestärkt wird und auf diese Weise lernt, ohne Medikamente wie etwa Antibiotika auszukommen.
Ein Umdenken in Richtung individueller, ganzheitlicher Therapien ist dringend erforderlich, denn wie die folgenden Zahlen zeigen, ist die Schulmedizin in vielen Bereichen an ihre Grenzen gestoßen und muss dringend ergänzt, wenn nicht sogar ganz neu überdacht werden. Die Tatsache, dass fast jedes zweite Kind zum Allergiker wird, hat meistens mit zu frühen und unnötigen Antibiotikagaben im ersten Lebensjahr zu tun, was inzwischen sogar durch eine schulmedizinische Studie belegt ist. Bereits jedes dritte Kind leidet unter Neurodermitis und bei einem von zehn Kindern kommt es zum asthmatischen Krankheitsbild. Die unzähligen Kinder mit sogenannten Infektanfälligkeiten - neben Schnupfen auch ständig wiederkehrende Ohrenentzündungen und Bronchitiden - seien hier nur am Rande erwähnt. Die Zahl der Kinder mit auffälligem Verhalten bis hin zur Hyperaktivität und mit Problemen wie Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen, Bettnässen, kindlicher Migräne und Kopfschmerzen steigt stetig. Schulmedizinisch sind diese Kinder nur durch unterdrückende Maßnahmen mit allen möglichen »Antimit-teln« und nicht zuletzt mit Psychopharmaka wie Ritalin bei ADHS zu behandeln. Mit ursächlichen Therapien ist von dieser Seite kaum zu rechnen. Hier ist das individuell gewählte homöopathische Konstitutionsmittel eine echte Alternative, und zwar mit dem Ziel, das Kind in seiner Individualität zu erkennen, seine Fähigkeiten zu unterstützen und seine natürlichen Lebensvorgänge zu fördern, sodass ein Einsatz der Schulmedizin gar nicht erst nötig wird.
Notfallbehandlungen und lebenserhaltende Operationen werden durch homöopathische Behandlungen nicht in ihrer Bedeutung gemindert, sondern im Gegenteil in ihrer Wichtigkeit betont: Sie bleiben der Schulmedizin vorbehalten und sollen nicht infrage gestellt, sondern vielmehr dankbar angenommen werden.
Die Homöopathie geht davon aus, dass die Lebenskraft in jedem Menschen waltet. Ist diese Lebenskraft in Harmonie, befindet sich der Mensch in einem Zustand des körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens. Er fühlt sich gesund. Ist die Lebenskraft jedoch aus dem Gleichgewicht geraten, äußert sich diese Verstimmung in Symptomen, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelisch-geistigen Ebene. Ziel der homöopathischen Behandlung ist es, die Lebenskraft wieder in Harmonie und dadurch die Symptome zum Verschwinden zu bringen. Die Art, wie sich eine verstimmte Lebenskraft äußert, also die Art, wie ein Mensch krank wird, ist bei jedem verschieden. Daher braucht jeder Mensch ein individuell zu ihm passendes Heilmittel, damit er wieder gesund werden kann.
In einem ein- bis zweistündigen Anamnesegespräch fragt der Homöopath nicht nur nach sämtlichen körperlichen Symptomen des kleinen Patienten, sondern auch nach seinem geistig-seelischen Befinden und nach der ganzen Vorgeschichte der Erkrankung. Hierbei finden auch Umstände Berücksichtigung, die aus Sicht des Patienten und seiner Eltern scheinbar überhaupt nichts mit der Erkrankung zu tun haben.
Die Auswahl des Arzneimittels erfolgt nach dem Ähnlichkeitsgesetz, das der Homöopathie zugrunde Hegt und dem sie auch ihren Namen zu verdanken hat. Der Name kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus homoios für »ähnlich« oder »gleichartig« und pathos für »Leiden« zusammen. Entdecker dieses Ähnlichkeitsgesetzes und Begründer der Homöopathie war der deutsche Arzt, Pharmazeut und Chemiker Samuel Hahnemann (1755-1843). Anlässlich der Übersetzung eines medizinischen Werkes machte er sich Gedanken darüber, wieso die Chinarinde Menschen, die an Malaria erkrankt waren, heilen konnte. Als gesunder Mensch machte er einen Selbstversuch mit Chinarinde und entwickelte prompt die Krankheitssymptome der Malaria. Das Ähnlichkeitsgesetz (Ähnliches heilt Ähnliches) oder Simile-Prinzip (lat.: similia similibus curentur) war entdeckt. Es besagt, dass die Symptome eines kranken Menschen nur durch das Mittel geheilt werden können, welches in der Lage ist, bei einem gesunden Menschen ähnliche Symptome hervorzurufen.
In der Homöopathie finden Substanzen aus dem Reich der Pflanzen, der Tiere und der Mineralien als Heilmittel Verwendung. Diese werden jedoch so stark verdünnt, dass die daraus gewonnenen Arzneimittel - homöopathische Tropfen oder Globuli (Kügelchen) - rein rechnerisch kaum mehr ein Molekül der ursprünglichen Substanz enthalten. Darüber hinaus wird der Wirkstoff bei jedem Verdünnungsschritt verschüttelt, bis die gewünschte Potenz (beispielsweise D6, D12, C30, C200, C1000) erreicht ist. Hahnemann wählte die Begriffe »Potenz« und »Potenzierung«, nachdem er herausgefunden hatte, dass sich die Wirksamkeit des Mittels mit jeder Verdünnung und Verschüttelung steigert.
Die Homöopathie wirkt zuverlässig sowohl bei akuten Beschwerden als auch bei chronischen Krankheiten, sofern der Homöopath seine Methode beherrscht.
Bei der Behandlung von Kindern kann ein Homöopath in der Regel besonders gute Erfolge verzeichnen, da sie meist noch über eine starke Lebenskraft verfügen. Das heißt, dass ihre Selbstheilungskräfte durch den Reiz der Arznei besonders stark aktiviert werden. Ziel einer jeden homöopathischen Behandlung ist es, das Wachstumsbestreben der Kinder zu unterstützen, ihre Individualität zu fördern und ihre Lebensenergie zu erhöhen.
»Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nichtformen. So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und lieben.« Goethe